Das Schweizer Krank­geheimnis
SMarta für SRB

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01.05.2020

Das Schweizer Krank­geheimnis

Apps können helfen, die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. SMarta hat sich NEXT STEP, die Schweizer Variante einer #TracingApp, genauer angeschaut.

Der Lockdown soll schrittweise gelockert werden. Apps können dabei helfen, die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Viele haben jedoch Angst, solche Software zu nutzen. SMarta hat sich NEXT STEP, die Schweizer Variante einer #TracingApp, genauer angeschaut.


Als ich meinem Mann Urs von dieser neuen App erzählte, die da gerade in der Schweiz entwickelt wird, um die Ausbreitung von Corona einzudämmen, hat er mich ganz besorgt angeschaut. Ob ich denn keine Zeitung lesen würde, hat er gefragt. Ob ich keine Angst davor hätte, dass so eine App mich aushorcht und der ganzen Welt mein Privatleben verrät.


Natürlich will ich keine App, die ungefragt alles Mögliche über mich und mein Privatleben herausfindet und das Ganze dann noch irgendwem erzählt. Dafür brauche ich keine App, das erledigt schon Renate aus unserem Jassclub. Die Frau wäre die ideale Quelle für jeden Geheimdienst, soviel steht fest.


Der Unterschied zwischen Renate und einem Smartphone


Da ich mich aufgrund meines Berufs mit digitaler Technologie auskenne, weiss ich allerdings auch, dass es einen wichtigen Unterschied gibt zwischen Renate und meinem Telefon: Renate ist von Natur aus neugierig und redselig, meinem Telefon hingegen kann ich sehr genau vorschreiben, was es wissen und verraten darf und was es gefälligst für sich behält.


«NEXT STEP» ist die diskrete, die verschwiegene und damit ziemlich schweizerische Variante einer Tracing-App, wie sie in Südkorea die unkontrollierte Ausbreitung von Corona verhindern geholfen hat. Im Unterschied zur asiatische Variante sind Installation und Nutzung bei uns jedoch freiwillig und die App aus datenschutzrechtlicher Hinsicht so unbedenklich, wie ein Programm zur Kontaktverfolgung nur unbedenklich sein kann.


Alles, was die App herausfindet, ist, ob zwei Menschen mit dem laufenden Programm auf ihren Telefonen näher als zwei Meter und länger als ein paar zufällige Sekunden beieinander stehen. Funktionieren tut das über die Stärke der Bluetooth-Signale: je stärker sie sind, desto näher müssen die Geräte einander sein. Bluetooth weiss dabei aber weder, wer da beieinander steht, noch, wo sich diese Personen befinden.


Anonym und diskret - ziemlich schweizerisch also.


Begegnen sich zwei Menschen, die die App installiert haben, für eine gewisse Dauer und unterschreiten dabei den Mindestabstand von 2 Metern, wird dieses Treffen für 21 Tage - aufwendig verschlüsselt - auf den zwei Telefonen gespeichert. Und nur dort: die Daten bleiben lokal und werden nicht in irgendeine ominöse Datenwolke hochgeladen.


Dass das Ganze vollkommen anonym funktioniert hat damit zu tun, dass die App jedem Telefon alle 60 Sekunden automatisch eine neue Identitätsnummer zuweist. Nur diese ist der App bekannt. Sie weiss also nicht, wie die BesitzerInnen der Telefonie heissen oder wo sie sich befinden. Sie merkt sich nur, wenn Nutzer X mit der ID soundso dann und dann ein paar Minuten lang nahe mit Nutzerin Y mit der ID diesunddas zusammengestanden hat.


Gibt nun Nutzer X oder Nutzerin Y binnen 21 Tagen nach einer solchen gespeicherten Begegnung an, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, werden alle gespeicherten Begegnungen der infizierten Person per Push-Nachricht darüber informiert.


Mit Technologie gegen die Pandemie


Um sicherzustellen, dass nicht irgendwelche Pfeifen aus Spass behaupten, an Covid-19 erkrankt zu sein und so Panik verbreiten, braucht es zum Auslösen der Mitteilung an potentiell Infizierte einen zusätzlichen Code, den einem das Labor mitteilt, von dem man positiv getestet wurde.


Bekommt man eine Warnung geschickt, dass man sich infiziert haben könnte, kann man die entsprechenden Massnahmen treffen, sich isolieren und abwarten, ob man Symptome entwickelt oder nicht. Wird man krank und positiv auf Covid-19 getestet, gibt man das zusammen mit dem Laborcode in seiner App an. Die informiert dann all diejenigen, die man in den letzten drei Wochen angesteckt haben könnt. Vollkommen anonym, wie gesagt: niemand erfährt, wer krank geworden ist und die Warnung ausgelöst hat.


So können wir mithilfe einer App die massenhafte Übertragung des Virus unterbrechen oder wenigstens: verlangsamen und nachvollziehbar machen. Zu nichts anderem dient schlussendlich auch der Lockdown, in dem wir uns seit dem 16.3.2020 befinden und der nun nach und nach gelockert werden soll.


Trotz Angst: das Leben muss weitergehen


Ich weiss, das alles kann ziemlich beängstigend sein: Ein gefährliches Virus, dessen Ausbreitung wir mit Technologie eindämmen sollen, deren Funktionsweise die meisten von uns nicht ansatzweise begreifen. Man kann das Gefühl kriegen, man hätte die Wahl zwischen - entschuldigen Sie die vielleicht etwas unpassende Redewendung an dieser Stelle - Pest oder Cholera.


Für uns Alte und alle Vorerkrankten, die zur Hochrisikogruppe gehören, bedeuten die bevorstehenden Lockerungsmassnahmen jedoch, dass das Infektionsrisiko wieder deutlich steigt, wenn wir nicht permanent zuhause bleiben. Und obwohl ich nicht zur Panik neige und ein eher optimistischer Mensch bin: ich wollte 2020 schon noch einmal vor die Tür und deshalb nicht gleich künstlich beatmet auf der Intensivstation landen.


Das Leben muss weitergehen. Bei meiner Enkelin, in deren Firma ich seit langem arbeite, bekomme ich mit, was der Lockdown mit dem Privat- und Berufsleben auch jüngerer, weniger vom Virus selbst bedrohter Menschen macht. Ewig geht das nicht so weiter.


Bis also ein Impfstoff gefunden und millionenfach verfügbar ist, bleibt es für Menschen wie mich überlebenswichtig, die Infektionskurve flach zu halten. Und aus genau diesem Grund bin ich heilfroh, dass es Projekte wie «NEXT STEP» gibt, die es möglich machen, das, was der Lockdown zum Ziel hat, mit technologischen Mitteln zu unterstützen.


App installieren, Abstand halten und weiter fleissig Hände waschen.


Statt meinem Mann das alles zu erklären, habe ich ihm kurzerhand die Testversion der App auf seinem Smartphone installiert, das er sonst so gut wie nie benutzt. Nach der Installation der App wird man einmal kurz und bündig über ihre Funktionsweise informiert, danach ist alles dank der aufgeräumten Benutzeroberfläche selbsterklärend. Nach einer Minute konnte Urs die App ohne fremde Hilfe bedienen.


Im Rahmen der Vernunft sollten wir tun, was möglich ist, damit dieses Virus sich infolge der Lockerungsmassnahmen nicht doch massenhaft verbreitet. Denn gegen das, was dann mit unserem Alltag, dem Gesundheitssystem und unserer Wirtschaft geschieht, dürfte der jetzige Zustand die reinste Idylle sein.


Haben Sie also keine Angst, installieren sie sich diese (aber nur diese!) App ruhig, sobald sie zur Verfügung steht. Wenn mehr als 70% der Bevölkerung sie nutzen, kann sie helfen, die Infektionsrate zu verlangsamen und unseren Alltag ein Stück weit zu normalisieren. Und dabei werden wir nicht alle zu gläsernen Bürgerinnen und Bürgern. Wir müssen nur weiter fleissig Hände waschen, Abstand halten und Bluetooth einschalten.


Ob mein Mann Urs die App nutzen wird, wird sich dann zeigen. Vielleicht braucht er sie aber auch gar nicht. Seit bald acht Wochen sitzt der Mann in unserem Wohnzimmer, liest Zeitung, schaut ein bisschen fern, isst was, hört Musik und geht wieder schlafen. Tagein, Tagaus. Soziale Kontakte scheinen ihm nicht zu fehlen. Im Gegenteil: Man könnte meinen, er habe sein Leben lang nur auf diesen Lockdown gewartet.


https://next-step.io/de/

SMarta bloggt im Auftrag von schaeferhansen, u.a. für Smart Regio Basel. Erschien am 1. Mai 2020.

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